Kolumnen


Das Philosophicum möchte Fenster öffnen, die in die Zukunft weisen. Es nutzt die Zeit, um verstärkt seiner publizistischen Tätigkeit nachzugehen. Zum Beginn starten wir mit einer Kolumnenreihe, die Reflexionen, Gedanken und Impulse zu Fragen unserer Zeit formulieren. Die neue Kolumne wird regelmässig aufgeschaltet. Die Autorinnen und Autoren sind Mitwirkende des Philosophicum sowie eingeladene Gastautorinnen und Gastautoren. Die Texte können hier auf der Webseite gelesen werden (jeweils mit einer PDF-Ausgabe zum Herunterladen).

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Dilettantische Überlegungen zum Spezialistentum

      Ich habe versucht, kritisch über das Spezialistentum nachzudenken. Meine Frage war: Setzen wir zu viel Vertrauen in das Expertentum und die Spezialisierung? Das tat ich nicht nur zum Zeitvertreib, sondern aus einem echten Bedürfnis: ich will verstehen, was gerade vorgeht. Meine Gedankenwege, die ich am Leitfaden dieser Frage unternahm, stockten immer wieder. Ich traf mehrmals auf einen Widerstand. In diesen Momenten wusste ich nicht, auf was ich gestossen war: eine Erkenntnisgrenze, die ich akzeptieren muss; eine Hürde, die es zu überwinden gilt; oder einen Trick, den die Verteidiger der Spezialisierung anwenden, um Kritiker abzuwehren? Von einigen Stockungserlebnissen möchte ich berichten.

      Wenn die Vertreter einer bestimmten Anschauung einen Kniff, einen Trick gefunden haben, wie sie kritische Anfragen entweder abwehren oder ins Leere laufen lassen können, spricht man davon, dass sie ihre Anschauung gegen Kritik «immunisiert» haben. Ein häufig angewendeter Trick, mit dem man Kritik abwehrt, ist es, auf die falsche Alternative hinzuweisen. Ein Beispiel, welches in der Schweiz bis zum Überdruss durchexerziert wurde: Jemand kritisiert den Zustand der EU und dann kommt die Gegenfrage: Bist du Anhänger Blochers?

      Oder nehmen wir die Wahl zwischen dem Fachidioten und dem Anti-Fachidioten. Ich habe mich längere Zeit geweigert, das Wort «Fachidiot» in meinen aktiven Wortschatz aufzunehmen. Ich fand, dass es zu einer unnötigen Aufladung der Gesprächssituation mit Emotionen und Aggressionen führt,  wenn man dieses Wort in einem Gespräch einfliessen lässt (das Wort „Idiot” wird ja in der Alltagssprache als Schimpfwort benutzt). Nach einigem Nachdenken und ein paar Gesprächen (heutzutage per E-Mail) kam ich aber zum Schluss, dass dies ein treffender Ausdruck für ein wichtiges Phänomen ist.  Man könnte den Fachidioten als einen Fanatiker des eigenen Fachs bezeichnen (idios: griech. eigen). Er sieht die ganze Welt nur von seinem eigenen Fach aus und verliert deshalb die Fähigkeit zu gedanklicher Differenzierung. Wenn es aber um die realen Auswirkungen seiner Forschungen geht, möchte er ganz differenziert behandelt werden. Sobald es zur Verantwortungszurechnung kommt, versteckt er sich hinter den Grenzmauern seines eigenen Fachs: «Ich bin nur für die Resultate in meinem eigenen Fach zuständig. Für das, was die anderen mit diesen Resultaten machen, trage ich keine Verantwortung». Der Fachidiot hat einen Gegenspieler, der genau so auf dem Holzweg ist wie er: der Anti-Fachidiot. Er glaubt über die Borniertheit der „Tüpflischisser”  erhaben zu sein und den ganz besonderen Weitblick zu besitzen. Roberto Simanowski beschreibt in seinem Buch «Stumme Medien», wie sich der Anti-Fachidiot besonders gerne im Internet austobt: «Der Aufstand gegen die Expertinnen ist die Überführung von Ignoranz in Arroganz und Aggressivität: Das negative Verhältnis zu Wissen wird zum aktiven Ressentiment gegen die Wissenden.»

      Eine Grenze, auf die ich gestossen bin, hat sich aus den Beschränkungen des eigenen Wissens und Könnens ergeben. Ich habe nicht die Zeit und die Fähigkeit, mich in ein Fachgebiet einzuarbeiten. Die Fachleute behalten immer einen Wissensvorsprung. Es wäre ein Fehler, hier vorschnell zu resignieren, indem man sich zum Beispiel sagt: ich überlasse das weitere Vorgehen den Experten, die sich als die cleversten und erfolgreichsten erwiesen haben. Einer anderen Form der vorschnellen und unfruchtbaren Resignation begegnet man heutzutage ebenfalls häufig: «Ich glaube gar nichts mehr». An den Grenzen der mangelhaften Kenntnisse stellt sich nach meiner Überzeugung die Aufgabe eines aufklärenden Dialogs zwischen Spezialisten und interessierten, lernwilligen Zeitgenossen. Sind wir für diesen Dialog gut vorbereitet? Dazu ein Zitat: «Letzten Endes offenbart sich die Covid-19-Pandemie als eine Krise der Begegnungskultur. Virologen lenken Gesellschaft und Politik hin zu einem angstgetriebenen Tunnelblick. Der interdisziplinäre und interprofessionelle Diskurs in der Wissenschaft bleibt aus, und auch die Politik verliert ihre Diskursfähigkeit und demonstriert vermeintliche Stärke durch Restriktionen und Verordnungen mit Bussgeldandrohungen.» (Harald Matthes, ärztlicher Leiter des anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin in die Drei 5/20).

      Diese Aussagen beziehen sich auf die schlimmsten Zeiten der Krise. Hat sich seither im Sozialen etwas verwandelt oder wurde nur die äussere Lage anders? Gelingt es uns nun, eine neue Begegnungskultur zu gestalten? Sind die Spezialisten fähig, in einen interdisziplinären und interprofessionellen Dialog zu treten? (H. Matthes hat auf Grund seiner Erfahrungen in dieser Hinsicht seine Zweifel.) Kann sich unter den neuen Umständen ein konstruktives Gespräch zwischen Spezialisten und interessierten Zeitgenossen entwickeln?

      In dem angeführten Zitat halte ich den zweiten Satz für problematisch («Virologen lenken …»). Mit ihm weist der Autor die Verantwortung für die Wahrnehmungsverengung der Gesellschaft («Tunnelblick») einer bestimmten Gruppe von Wissenschaftlern zu: den Virologen. Führt diese Zuschreibung nicht seinerseits wieder zu einer Vereinseitigung der Beurteilung? Nach meinem Eindruck waren die Gesellschaft und die Politik schon angstgetrieben, bevor die Virologen zum ersten Mal im Fernsehen auftraten. Ich habe das Ganze allerdings in der Schweiz erlebt – vielleicht waren die Verhältnisse in Deutschland anders. Der Weg zu einem eigenen Urteil in der gegenwärtigen Krise wird uns dadurch erschwert, dass uns alle Informationen medial vermittelt erreichen. Ich würde sehr gerne Zuhörer bei einer Podiumsdiskussion sein, bei der Virologen/Epidemiologen, Immunologen, Allgemeinmedizinerinnen, Psychologinnen und Philosophinnen diskutieren. Es dürften keine elektronischen Aufzeichnungen gemacht werden, damit niemand einen unwiderruflichen Reputationsschaden befürchten muss. Am Schluss könnten die Menschen aus dem Publikum ihre Fragen stellen und der Zeitrahmen dafür müsste weiter sein als die üblichen 10 Minuten.

      Ein mächtiges Gegenargument, dem der Kritiker der Spezialisierungs-Gläubigkeit früher oder später begegnet, lautet: «Sie – die Spezialisierung – hat sich doch bewährt. Nichts würde ohne sie funktionieren.» Hier könnte man die Experten-Gläubigen beim Wort und ihrem eigenen Vorsatz nehmen. Ja, schauen wir genau hin. Was wurde besser durch die Spezialisierung? Was wurde eventuell schlechter? Hat nicht vieles, das als reine Erfolgsgeschichte verkauft wird, seine Schattenseiten? Dieser Einbezug einer historischen Perspektive soll eine weckende Wirkung haben – er soll uns die Not der Gegenwart bewusster machen. Es soll mit ihm nicht suggeriert werden, man könne in eine bessere Vergangenheit zurückkehren, in der alles noch weniger spezialisiert war. Man sollte zudem beachten, dass man aus der Vergangenheit nicht einfach die notwendigen Rezepte übernehmen kann. In der Auseinandersetzung mit der Spezialisierung müssen wir hier und jetzt neue Antworten finden. Wenn ein Beispiel für eine Gesellschaftsformation gesucht wird, die uns als pures Erfolgsmodell verkauft wird, die aber auch ihre Schattenseiten hat, kommen mir die hochspezialisierten Bildungssysteme der reichen Länder in den Sinn. Hier ist jede und jeder von uns ein «Experte». Wir alle haben Erfahrungen mit einem Bildungssystem gemacht und können diese gedanklich durchdringen. Ein kleines Beispiel: Als ich in einer bestimmten Phase meines Lebens auf meine Bildungskarriere zurückblickte, stellte ich überrascht fest, dass gewisse Fragen, die für mich grundlegend waren und sind, in den vielen Unterrichtsstunden, die ich miterlebt hatte, gar nicht ernsthaft besprochen wurden. Wenn es uns gelingt, uns unsere Bildungswege gedanklich und handelnd anzueignen, können wir zu «Spezialisten des eigenen Lebens» werden. Dafür müssen wir aber aus unseren Home-Offices rausgehen. Wir brauchen kulturelle Orte, wo wir uns treffen und uns auf Erkenntnisgespräche einlassen können.

Thomas Pickel, Sozialpädagoge, arbeitet als Betreuer mit Menschen mit einer Beeinträchtigung.

thomas-pickel@bluewin.ch